Ein selbstkonstruiertes Abendkleid

Ein Fixpunkt unserer Moskaureise im Juni, während der wir uns auch eine Ausstellung über russische Modegeschichte angesehen haben, war ein Besuch des Bolshoi-Theaters. Diese Gelegenheit, mir ein besonderes Kleid zu nähen, ließ ich mir natürlich nicht entgehen.

Insipiration

Meine erste Inspirationsquelle waren die eleganten Abendkleider von Claire McCardell. Insbesondere das folgende Modell hatte es mir angetan. Der Raffungen, der untere Ausschnitt am Rücken und die Ärmel sind einfach ein Traum.

Nachdem ich ein Probeteil anprobiert hatte (dazu habe ich einfach zwei rechteckige Stoffbahnen genommen, auf sechzigprozentiger Höhe gerafft und an diesem Punkt auch zusammengeheftet), stellte ich aber fest, dass leider durch die Raffung entlang des oberen Rückens meine breiten Schultern noch breiter wirken.

Daher habe ich diese Idee dann verworfen und wollte stattdessen ein Wickelkleid probieren. Dazu gibt es in dem Buch, das ich gerne zur Schnittkonstruktion verwende (Patternmaking for Fashion Design von Helen Joseph Armstrong), eine ausführliche Anleitung. Es wird besonderen Wert darauf gelegt, dass die Wickelung auch ordentlich passt und nicht aufklafft. Leider hat dies nicht auf den ersten Anhieb geklappt (meine Abnäher waren zu groß und es war nicht genug Platz) und ich habe auch festgestellt, dass der Ausschnitt ziemlich tief war. Wegen Zeitmangel habe ich dann auch diese Idee verworfen.

Als Stoff hatte ich mich für einen wunderbaren Viskosekrepp von Atelier Brunette in Forest enschieden. Beim Stöbern in meinem Buch stieß ich dann auf eine Anleitung für einen Wasserfallausschnitt. Da wurde mir sofort klar, dass das sehr gut zum Charakter des Stoffes passen würde und ich machte mich schleunigst ans erneute Konstruieren.

Bettina steht vor dem Bolshoi Theater in Moskau in ihren dunkelgrünen selbstgenähten Abendkleid. Es hat einen Wasserfallausschnitt, gerafften Rock, ist bodenlang und ärmellos.

Es geht ans Eingemachte

Das Probeteil war endlich von Erfolg gekrönt und so konnte ich nun mit dem Nähen beginnen. Wasserfallausschnitte werden in der Regel im schrägen Fadenlauf zugeschnitten werden, damit sie noch schöner fallen.

Ich hatte zwar noch nie mit Schnitteilen im schrägen Fadenlauf gearbeitet, wusste aber, dass diese extrem empfindlich sind und sich sehr leicht verziehen. Ich habe das Vorderteil also direkt nach dem Zuschneiden an allen Kanten abgesteppt, damit sie sich nicht ausdehnen können. Den Halsabschluss des Wasserfalls habe ich mit meiner Overlock und dem Rollsaumstich genäht.

Der Rest war dann ziemlich schnell genäht. Ich habe einen nahtverdeckten Reißverschluss hinten eingenäht. Die Brustabnäher sind nur bis knapp unter die Brust genäht, darüber sind sie einfach offen. Ich finde, das passt zum Charakter des Wasserfallausschnitts.

Einfach Raffen

Der Taillenbund und der Rock sind jeweils nur Rechtecke. Den Rock habe ich mit einem Trick gerafft, den ich gerne weiterempfehle: Mit einem breiten, langen Zickzackstich näht man eine starke Schnur (man kann auch ungewachste Zahnseide verwenden) auf den Stoff. Anhand dieser Schnur lässt sich dann der Stoff ganz einfach zusammenschieben. Dann verteilt man ihn gleichmäßig entlang des Bundes und näht schließlich beide Teile zusammen. Wenn man die Schnur innerhalb der Nahtzugabe aufgenäht hat, braucht man sie nur rauszuziehen und kann die Zickzacknaht drin lassen.

Gesäumt habe ich den Rock dann wie den Ausschnitt mit einem Overlockrollsaum. Da ich kein farblich passendes Overlockgarn hatte, habe ich einfach schwarz genommen und es fällt nicht auf.

Bettina und ihr Ehemann zu sehen in einem Spiegelselfie. Er trägt eine Weste, Krawatte und violettes Hemd, sie ihr selbstgenähtes Abendkleid.

Verlinkt beim MeMadeMittwoch.

18 Comments

  1. formspielerins werke

    Sehr gelungen und ich sehe, ihr hattet Spaß! Ich finde es toll, dass du dich ans Selbstkonstruieren machst. Einen Wasserfallausschnitt habe ich auch schon mal gemacht und dabei einen Besatz gleich mitangeschnitten. Zum Kräuseln verwende ich einen Geradstich mit sehr großem Stichabstand und ziehe dann einen Faden an. Dein Vorgehen ist auch interessant, denn bei dickeren Stoffen kann ein stärkerer Faden von Vorteil sein. Regina

    1. Bettina

      Danke! Genau, den Besatz habe ich auch mitangeschnitten. Der Geradstich ist mir auf solche langen Strecken immer zu brenzlig. Wenn da der Faden abreißt, müsste ich wieder von vorn anfangen 🙂

  2. Marta

    Ein wunderschönes Kleid. Und es schreit für mich nach viel mehr Arbeit als du wohl tatsächlich verwendet hast. Es steht dir ganz hervorragend. Mich lacht natürlich auch der Vorhang des Theaters direkt an 😉

    LG
    Marta

  3. Sarah

    Ich bin beeindruck immer wenn jemad Kleidungsstücke selbst konstruiert. Das Kleid sitzt ja am Oberkörper perfekt!!! Ganz edel und sehr glückseelig siehst du aus… LG sarah

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